Warum Emotionen das Gehirn prägen

Emotionen – sie begegnen uns täglich, in Gesprächen, in Beziehungen, in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen oder Klient:innen. Natürlich auch in unseren Kursen. Sie faszinieren uns, weil sie so kraftvoll sind – und weil sie uns oft mehr prägen, als wir bewusst merken.

Vielleicht hast du ja schon unseren Beitrag zur Broaden-and-Build-Theory von Barbara Fredrickson gelesen? Darin geht es um die stärkende Wirkung positiver Emotionen – du findest ihn hier (https://marte-meo.at/2025/01/31/warum-wirkt-marte-meo/).

Heute möchten wir einen Schritt zurücktreten – und Emotionen ganz grundsätzlich anschauen. Was machen sie mit unserem Gehirn? Warum bleiben manche Erlebnisse haften – andere aber nicht? Und was heißt das für unsere pädagogische und therapeutische Arbeit?

„Wir erinnern uns nicht an das, was gesagt wurde – sondern an das, was wir dabei gefühlt haben.“ (Gerald Hüther)

Ob ein Kind neugierig mitmacht, ein Jugendlicher Vertrauen fasst oder ein Klient einen kleinen Entwicklungsschritt wagt – all das beginnt nicht mit einer Methode. Nicht mit Wissen. Sondern mit einem Gefühl.

Und es merkt sich nicht alles gleich gut – manche Gefühle graben sich tiefer ein als andere. Mit erstaunlichen Folgen.

Angst, Scham, Wut, Schmerz – diese Gefühle prägen sich besonders schnell ein. Warum?
Weil unser Gehirn evolutionär darauf trainiert ist, Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Und das möglichst dauerhaft.

Das Problem: Gleichzeitig wird unser Denken blockiert. Die präfrontale Hirnrinde – zuständig für Empathie, Impulskontrolle, Kreativität – wird gehemmt.

In der Praxis heißt das:

  • Ein Kind, das sich unsicher fühlt, kann nicht lernen.
  • Ein Jugendlicher, der Angst hat, sich zu blamieren, wird nicht ausprobieren.
  • Ein Klient, der sich bewertet fühlt, zieht sich zurück.

Freude, Neugier, Sinn, Geborgenheit – diese Gefühle brauchen länger, wirken aber tief und nachhaltig.
Sie unterstützen:

  • Dopamin – unser Motivationshormon,
  • die Vernetzung neuer Synapsen,
  • Explorationsverhalten,
  • und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit.

Aber: Positive Emotionen brauchen Wiederholung. Vertrauen wächst nicht über Nacht – es entsteht durch viele kleine, gute Momente.

Wir waren selbst überrascht, als wir es das erste Mal hörten:
es braucht mehrere emotionale Erfahrungen, um eine negative auszugleichen.

Für unsere Arbeit bedeutet das:

  • Ein abwertender Blick, ein unbedachtes Wort – und das Vertrauen kann bröckeln.
  • Umgekehrt braucht es viele echte, positive Erfahrungen, damit sich Menschen wieder öffnen können.

Wir müssen keine Superheld:innen sein. Aber wir können emotional bewusst sein.
Hier fünf Impulse, die uns in unserer Arbeit leiten:

  1. Erfolge sichtbar machen
    Auch kleine Fortschritte feiern – denn sie machen Mut und aktivieren Dopamin!

Wenn du mit Marte Meo arbeitest, hast du beim Lesen vielleicht schon mehrfach genickt.
Denn vieles von dem, was wir hier beschreiben, zeigt sich in der Praxis dieser Methode.

Marte Meo macht sichtbar, was oft übersehen wird – die kleinen, kraftvollen Beziehungsmomente.

Durch Videobeobachtung und positive Rückmeldung erleben wir:

  • Wie ein Kind sich freut, neugierig ist oder stolz auf sich wird,
  • wie wir mit aufmerksam Warten, Folgen und Benennen Verbindung schaffen,
  • wie Entwicklung in Resonanz entsteht – emotional, sozial, neuronale Prozesse inklusive.

Was Maria Aarts als „Goldene Geschenke“ beschreibt, ist kein „nice to have“ – es ist neurobiologisch wirksam.

Als Fachpersonen in Pädagogik, Therapie und Pflege erleben wir es jeden Tag:
Ohne Gefühl kein Lernen. Ohne Beziehung keine Entwicklung.

Wie Gerald Hüther es sagt: „Begeisterung ist der Dünger für das Gehirn.“

Und wir?
Wir sind die Gärtner:innen.
Lasst uns gute Bedingungen schaffen – und mit Herz begleiten.